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Leserbrief vom 15.09.2005

Bischof-Benno-Haus in Schmochtitz
Sehr geehrte Frau Wenk,

Arbeitskreis Demenz Chemnitz,
Sehr geehrter Herr Dr. Heusinger,

nach unserer Teilnahme an der Reise für Demenzkranke und Angehörige nach Bad Kissingen vom 22.8. bis 5.9.2005 möchte ich Ihnen eine kurze Einschätzung geben, um die Sie mich gebeten hatten.

Der Betreuungsanteil kann als Teilrechnung zur Verrechnung mit der Pflegeversicherung von der Caritas Frankfurt/Main angefordert werden.

Die Reise
Das Reiseangebot stammt aus dem TAG DES HERRN vom 8.Mai 2005 und war keine ausdrückliche Werbung, sondern eine Information mit Adresse und Telefon als Hinweis, dass es diese Möglichkeit überhaupt gibt.

Die Reise steht unter dem Motto "Wenn ich nur einmal abschalten könnte!" und ist darauf ausgerichtet, Betroffene statt eines Reha-Aufenthaltes, bei dem viel schwerer Betroffene beisammen sind, noch einmal in eine früher gewohnte Umgebung zu bringen.
Die Caritas Frankfurt/Main tritt hier als Reiseveranstalter auf und bedient sich dabei für die Reisezeit eines Sanatoriums, von dessen Ausführung es in Bad Kissingen mehrere gibt.

Für zehn betroffene Paare werden vier Betreuungskräfte als Begleitung, jedoch nicht automatisch ein Pflegedienst, gestellt.
(Einen Pflegedienst zu rufen ist in Bad Kissingen jederzeit möglich.)
Der Reisepreis betrug 1.279.-€ pro Person. Davon lässt sich eine Teilrechnung für den Betreuungsanteil anfordern, der mit der Pflegeversicherung verrechnet werden kann.

Wir beide waren die einzigen Teilnehmer aus der Ferne. Für die anderen waren die Bus-An- und Abreise aus dem Raum Frankfurt und ein Vortreffen inbegriffen.

Das Haus
Untergebracht und versorgt wurden wir im Sanatorium Dr. Lechmann, Altenbergweg 2-3, 97688 Bad Kissingen, Tel. 0971-9170.
Das Haus ist an den ansteigenden Hang des Altenberges nahe des Kurparks gebaut worden und hat aufgrund dessen nicht durchgehend barrierefreie Flure und Terrassen. Um in den Wintergarten oder auf die Terrasse zu gelangen, sind 5 + 2 + 1 Treppenstufen zu überwinden. Zur Bäderabteilung führen 5 Stufen abwärts. Weiterhin gibt es in Speisesaaltheke keine Toilette, die auf kurzem Weg und ohne Stufen zu erreichen ist.

Das Haus stammt etwa aus den 60-iger Jahren, hat keine Dusche im Zimmer, sondern eine Badewanne, die zwar das Duschen hinter einer Klappwand ermöglicht, jedoch ein U-förmiges Profil mit sehr wenig ebener Fläche hat und darüber hinaus zwischen zwei Wänden eingelassen ist, so dass kein Freiraum an den Enden zum Herausheben bleibt.
Auf Hocker oder Brett in bzw. für die Badewanne ist das Haus nicht eingerichtet.

Durch einen telefonischen Kontakt vor Reisebeginn war ich auf Badewanne eingestellt und hatte einen Badewannendrehsitz mit im Gepäck, der jedoch nicht passte, weil die Badewanne zu schmal ist und die Längsseite der Badewanne unmittelbar an die Wand grenzt.

Die Geländer am Balkon beträgt auf allen Ebenen 0,85 m, etwas wenig für unser Zimmer in der 4. Etage und den Aufenthalt von Demenzkranken, die sich nicht nur nachts auch einmal selbstständig machen (das kam bei anderen Kranken mehrmals vor). Ich hatte hier spontan Höhenangst beim Nähertreten. Neben einer Liege, die parallel zum Geländer aufgestellt ist, bleibt nur noch wenig Platz zum Laufen und für die Jalousie-Bedienung - mit dem Blick in die Tiefe!

Im Haus sind werktägig eine Arztpraxis, eine Bäderabteilung und jeden Tag ein sehr schönes Hallenschwimmbad verfügbar. Letzteres zu nutzen liegt in eigener Verantwortung.
Der Service im Haus, auf den Zimmern und von der Küche her sind ohne Makel, die Portionen schmackhaft und abwechslungsreich, auch für Zahnprothesenträger immer problemlos essbar.
Betreuungs- und Hotelpersonal haben sich mit allseits anerkanntem Erfolg sehr viel Mühe gegeben.

Meine Probleme
Mit meiner Alzheimer kranken Frau (Pflegestufe III) hatte ich, verbunden mit den Gegebenheiten im Haus, aufgrund ihrer verlorenen gegangenen Fähigkeiten so meine Probleme: keine Orientierung, keine Kommunikation, keine selbstständige Mobilität, kein übersteigen eines Badewannenrandes mehr. Auf ebenen Wegen ist sie, an der Hand oder am Arm geführt, noch ganz gut zu Fuß, aber sie hält und zögert vor jeder Stufe und Schwelle, verliert dabei zuweilen das Gleichgewicht. Dies erzwingt, dass ich sie dabei von vorn führen muss.
Unter den baulichen Umständen war es mir daher nicht möglich, die Badewanne für meine Frau zu nutzen.

Da ich gerade unter den Hotelbedingungen (ich hatte ja genug Zeit) auf einen bestellten Pflegedienst verzichten wollte,
wusch ich meine Frau einschließlich ihrer Haare vor der Badewanne, indem ich sie auf die Antirutschmatte stellte und sie sich auf dem Badewannenrand abstützte.
Wenn dabei der Stuhlgang begann, ergab sich das Problem, sie in diesem glitschigen Zustand auf die daneben stehende Toilette zu bugsieren. Dabei erwiesen sich die Fußbodenfliesen als aalglatte Rutschfläche. Die Fußbodenmatten habe ich jedoch in diesen Fällen aus Sauberkeitsgründen nicht verwendet.

Von diesem Erlebnis berichtete ich der Betreuerin meiner Frau, die mir daraufhin den leisen und berechtigten Vorwurf machte, dass ich dies eher hätte mitteilen müssen. Sie half mir danach spontan täglich beim Waschen und war überhaupt fast ausschließlich mit meiner Frau unterwegs, das mich bei dem Verhältnis 4:10 wunderte, aber dankbar annahm. Die anderen Reiseteilnehmer konnten gruppenweise betreut werden bzw. hatten keine individuelle Betreuung nötig.

(Mit einem bestellten Pflegedienst hatte ich mir keine verbesserte Situation vorstellen können: Jeden Tag eine andere Pflegekraft zu unterschiedlichen Zeiten, keine zweite Toilette in Zimmernähe verfügbar; meine zusätzliche Hilfe wäre bei dieser Badewanne sowieso stets erforderlich gewesen.)

Der Tagesablauf bestand in der Regel aus:
8-9 Uhr Frühstück vom Büffet
10-12.30 Uhr betreute Zeit für die Kranken (Spaziergang, Gymnastik für die Geeigneten)
12-13 Uhr Mittagessen mit Bedienung
13-15 Uhr betreute Zeit für die Kranken bzw. individuelle Mittagsruhe auf den Terrassen oder im Zimmer
15-15.30 Uhr Kaffee im Foyer auf Bestellung
15-18 Uhr betreute Zeit für Begleitung im Kurpark, Kurkonzert
18-19 Uhr Abendessen vom Büffet
20-22 Uhr gemeinsames, absolut freiwilliges Beisammensein auf der Terrasse
oder im Wintergarten bei Singen und Vorlesen

Vergleich mit den Aufenthalten im Bischof-Benno-Haus
Meine Lust auf derlei Reisen hält sich nun in Grenzen. Ich habe gerade bei dieser Reise sehr oft an Sie mit dem hervorragenden Konzept und dem problemlosen Aufenthalt im Bischof-Benno-Haus gedacht, wofür ich Ihnen sehr dankbar bin.
Ich kann Ihnen nur bestätigen, dass Sie mit Ihrem Konzept für die Alzheimerkranken richtig liegen.
Die christliche Einstimmung für den Tag, die Seminare, die Informationen, die Singestunden, die Bastelmöglichkeiten als Beispiele und, wie Sie den Pflegedienst und die liebevolle Begleitung durch die ehrenamtlichen Kräfte einzubinden verstehen sowie die abendliche Klönzeit in der Scheune habe ich im Bischof-Benno-Haus besonders schätzen gelernt.
Ich habe mich bei Ihnen immer sehr gut aufgehoben gefühlt, auch weil es gerade keine vornehme Hotelumgebung ist, in der man sich mit den Kranken befindet.

Die Caritas Frankfurt/Main verfolgt offensichtlich ein anderes Konzept, das auf Angehörige mit Demenzkranken, die noch nicht so schwer betroffen sind, abzielt und ganz sicher ebenso gern angenommen wird.

Ich hoffe sehr, dass noch möglichst viele in gleicher Weise Betroffene an Ihrem Angebot im Bischof-Benno-Haus teilhaben können und grüße Sie herzlich
Ihre
Volker und Marianne Fiedler